Was wissen Sie über den Kammerton?

Der Grundton des gemeinsamen Musizierens

Wie geht es Ihnen?

Bevor wir uns gleich mit dem Kammerton beschäftigen, lassen Sie uns am besten mit den Nebenwirkungen beginnen. Nebenwirkungen? Ja, die stehen in der Regel so klein gedruckt auf dem Beipackzettel unser heilenden Medikamente, dass sie kein Mensch ohne Lupe lesen kann. Dort liest man von Nebenwirkungen des Heilmittels, die das Risiko für oftmals ein ganzes Füllhorn an neuen Krankheiten beinhalten. Medikamente haben also zusätzlich zu der gewünschten Wirkung unerwünschte Nebenwirkungen.

Auch die Musik wirkt. Deswegen hören und spielen wir ja Musik. Musik soll Schwung in den Tag bringen. Sie soll uns gut stimmen, motivieren, oder es ermöglichen, dass wir unsere Wut auf die Welt einfach abtanzen können, da sich ohne dieses Dampf ablassen die aufgestaute Energie gegen uns richtet und uns krank macht. Das Musizieren und hier vor allem das Klavier spielen wird heute oftmals praktiziert, um sich entspannen zu können. Gerade das Piano hat bzw. hatte früher mal so einen angenehmen, geradezu romantischen Klang, der in uns einen Automatismus zur Entspannung auslöst. Aber ist die von uns gesuchte Entspannung denn auch immer garantiert? Kann ich mich entspannen, wenn mein Klavier grell und laut klingt, die leisen Töne in der Regel gar nicht möglich sind? Und wie gelingt mir die Entspannung in Abhängigkeit davon, ob die Musik höher oder tiefer gestimmt ist? Sie stutzen und wenden ein: Was, die Musik ist nicht immer auf der gleichen Tonhöhe gestimmt? Nein, die Grundtonhöhe der Musik war früher tiefer, da man zuerst z.B. Saitenstahl für hohe Zugkräfte entwickeln und Konstruktionen erfinden musste, um die extremen Belastungen des Materials, die heute im Klavier üblich sind, überhaupt verarbeiten zu können. Deswegen haben die Pianos für die Vielzahl der Saiten eine Platte aus Gusseisen, in der die Saiten aufgehängt sind. Die Gussplatte in jedem Pianoforte ist es, die den Umzug des Instruments im wahrsten Sinne des Wortes erschwert. Ältere Klaviere wurden zu einer Zeit gebaut, als ein tieferer Kammerton üblich war.

Die Tonhöhe stieg also im Lauf der Zeit immer mehr an. Doch was macht die Tonhöhe eigentlich mit uns? Betrachten wir zum Vergleich unsere Stimme. Je nach Geschlecht und Körpergröße haben wir unterschiedliche Stimmlagen. Die Stimmlage schwankt sogar in Abhängigkeit von unserer Tagesform und Befindlichkeit. Jeder hat das bei sich persönlich schon erlebt, dass man eine vergleichsweise tiefere Stimme hat, wenn man entspannt ist. Bei starker Anspannung neigt man zum Gegenteil, nämlich zum Kreischen. Die Stimmlage ist die individuelle Grundtonhöhe unserer Stimme. Somit ist unsere Stimmlage die hörbare Rückmeldung zu unseren Befindlichkeit, die auf dem Grad der inneren An- bzw. Entspannung beruht. Wenn aber die Höhe unserer Stimmlage unsere innere Befindlichkeit nach außen signalisiert, dann ist klar, dass sich die Tonhöhe der Musik umgekehrt auf unsere Befindlichkeit auswirkt. Das habe ich ja bereits eingangs behauptet. Das bedeutet, dass die Tonhöhe der gehörten Musik einen Einfluss auf meine innere An- bzw. Entspannung hat. Eine immer höher gestimmte Musik, wirkt daher auf uns auch immer stärker anspannend. Stimmen Sie soweit mit mir überein? Dann können wir auf der Grundlage dieser wesentlichen Erkenntnisse einen umfassenden Blick auf den Kammerton werfen.

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Exklusives Musizieren in der Kammer der Fürsten

Warum heißt dieser Ton so?

Die Bezeichnung Kammerton stammt aus der Zeit, als mehrere Musiker sich in der Kammer des Fürsten trafen, um für diesen zu musizieren. Als erstes mussten sie die verschiedenen Instrument einstimmen auf einen gemeinsamen Grundton. Dieser Grundton ist heute als a1 (deutsche Notation) bzw. A4 (internationale Notation) definiert. Da es der Grundton für das gemeinsame Musizieren in der Kammer des Fürsten war, bekam er die Bezeichnung Kammerton.

Hören Sie die Sonate e-moll op. 2 no. 1 komponiert von dem Geigenvirtuosen und Komponist Jean-Joseph Cassanéa de Mondonville (1711 - 1772) gespielt vom Altera Pars Ensemble im Oldenburger Schloss.

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Die Tonhöhe des Kammertons

Welche Frequenz hat der Kammerton?

Hier muss man unterscheiden: 1939 kam die Frequenz von 440 Hertz als Empfehlung für den Kammerton in die Welt, die anschließend zur Norm umgedeutet wurde. Vor dieser Zeit war der Kammerton frei wählbar und es gab nicht nur regional große Unterschiede, sondern die Tonhöhe schwankte auch relativ stark. Anfang 1900 bis eben 1939 betrug der Kammerton im Allgemeinen 430 – 435 Hertz.

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Den freien Kammerton an die Kette legen...

Warum hat man den Kammerton international festgelegt?

Das ist eine gute Frage. Lassen Sie mich darauf zwei Antworten geben:

  1. Zum ersten Mal führte die zunehmende Internationalisierung des Musikbetriebs zu dem Bedürfnis, den Kammerton über die Grenzen der bislang üblichen regionalen Reichweite hinaus festzulegen. Das geschah 1788 in Paris und man einigte sich auf die Pariser Stimmung mit 409 Hertz als Grundlage. 1858 erfuhr der Kammerton unter Napoleon eine deutliche Erhöhung auf 435 Hertz. Diese Tonhöhe wurde 1885 von der Internationalen Stimmtonkonferenz in Wien sowie 1919 im Rahmen des Friedensvertrag von Versailles bestätigt. Das waren quasi die Treiber für einen steigenden Kammerton. Die historische Aufführungspraxis zeigt jedoch, dass der Kammerton zwischen 1650 und 1750 bei 415 Hertz, und zwischen 1750 und 1850 bei 430 Hertz lag.
  2. Im Jahr 1939 war die zunehmend erfolgreiche Industrialisierung der Hintergrund für die Entscheidung im Rahmen einer erneuten Stimmtonkonferenz. Um nämlich in die Massenproduktion für den neuerdings weltweiten Markt gehen zu können, brauchte man einen einheitlichen Standard. Somit war der Maßstab für die Tonhöhe grundsätzlich nicht der Mensch, weder der Musizierende, also z.B. singende Mensch, noch hinsichtlich der Wirkung der Musik der Zuhörer, sondern ein Industriestandard. Der könnte ja beliebig sein, und sich daher auch am Menschen orientieren. Doch die Geschichte verlief anders, wie Sie im übernächsten Kapitel lesen werden.

Die Massenproduktion läuft inzwischen in allen nur denkbaren Bereichen weitgehend reibunbslos. Folglich übersieht man, dass die Presse ihren Lesern schon vor 30 Jahren die frohe Botschaft übermittelt hat, die Produktion wäre demnächst aufgrund immer besserer Technologien imstande, ihre Ergebnisse maßgeschneidert in kürzester Herstellungszeit zu individualisieren. Diese geradezu traumhafte Vision von einer gelingenden Kundenorientierung würde den Umbau von einfachen zu anpassungsfähigen Maschinen erfordern. Doch die damit verbundenen Investitionen als Voraussetzung für diesen Fort-Schritt verweigert die Industrie weitgehend. Der Grund dafür wird Sie überraschen, da er bislang in der Breite nicht bekannt ist:

Seit der Erfindung der Massenproduktion bedrängt die Industrie die Politik dahingehend, ausreichend für Armut zu sorgen, damit die Fabriken mit ihren nicht mehr zeitgemäßen Maschinenparks eine ausreichende Auswahl an billigen menschlichen Arbeitskräften hat. Dieses Dilemma, das nämlich letztendlich den Faschisten in die Hände spielt, hat die Wirtschaftswissenschaftlerin Clara Mattei recherchiert und ihrem Buch Die Ordnung des Kapitals 2025 publiziert.

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Die Grundtonhöhe der Musik beeinflusst unsere Stimmung

Was hat es für Auswirkungen, ob man ein Instrument auf 430 oder 440 Hertz stimmt?

Bevor ich die Frage nach den Auswirkungen beantworte, sollte man die Frage stellen: Kann man denn alle Pianos auf den seit 1939 allgemein üblichen Kammerton von 440 Hertz stimmen kann? Die Antwort ist Nein. Die Klaviere, auf die man heute in den Wohnungen trifft, haben ein häufig unglaubliches Alter von 100 und wesentlich mehr Jahren. Die Klavierbauer früherer Zeiten haben im Bemühen um Qualität nachhaltig produziert. Klaviere, die vor 1939 gebaut worden sind, waren in der Regel für 430 bis 435 Hertz ausgelegt. Wenn man diese guten alten Pianos versucht auf 440 Hertz zu stimmen, passiert es häufig, dass Saiten reißen. Der Grund dafür ist leicht nachvollziehbar, denn die zwar für hohe Zugkräfte ausgelegten Saiten stehen dann seit gut 100 Jahren unter Dauerspannung. Ja, Sie vermuten es richtig, diese alten Pianos haben alle noch ihre Originalteile, sowohl die ursprünglichen Saiten, als auch die gesamte ursprüngliche Mechanik! Tatsächlich lässt sich daraus schließen, dass der Verschleiß gar nicht so groß ist, wie man manchmal lesen kann. Man bekommt folglich über die alten Pianos ganz neue Informationen über die Haltbarkeit der Dinge. Gerade die Lebensdauer dieser Oldies gibt uns den Hinweis auf die menschliche Lebenszeit, die laut Biologie 120-140 Jahre beträgt und davon abhängt, wie groß das Reservoir an sogenannten Adulten Stammzellen ist. Die Tatsache, dass unser Leben schon lange vor dem 100. Geburtstag häufig deutlich eingeschränkt verläuft, sollte uns sensibel machen dafür, was wir in Zukunft besser machen können, um am Ende eine höhere Lebensqualität zu erhalten.

Der Zusammenhang zwischen der Frequenz des Kammertons und der Wirkung der Musik sowohl auf den Klavierspieler, als auch auf seine Zuhörer ist gerade für musiksensible Menschen ein wichtiges Thema. Denn grundsätzlich spannt uns eine höher gestimmte Musik stärker an, während eine tiefere Stimmung die Entspannung fördert. Diesen Zusammenhang von Ursache und Wirkung haben wir ja bereits in der Einleitung am Beispiel unserer Stimmlage im Kontext unserer Befindlichkeit erörtert. Trotzdem ist das Wissen über die Wirkung eines unterschiedlich hohen Kammertons bis heute eine Art Geheimwissen. Seltsamerweise verfügen über solch wesentlichen Kenntnisse oftmals nur die falschen Leute und setzen es natürlich in ihrem Interesse ein. Dieses Muster gilt es zu durchschauen, wenn man herausfinden möchte, welcher Kammerton für einen selbst passend wäre. Denn nur dann kann ich so musizieren, dass dieser höchst wertvolle Prozess die von mir erwünschte ganzheitliche Wirkung erzielt.

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Den Kammerton individueller Nutzung zugänglich machen

Wären 430 Hertz nicht besser als 440 Hertz?

Ja, zu diesem Schluss sind Musiker immer wieder gekommen, wenn sie das Thema diskutierten. Warum aber haben wir dann heute 440 Hertz als Kammerton? Die Empfehlung für die internationale Festlegung des Kammertons auf 440 Hertz betrifft die Konferenz zur Industrienorm, die in Verbindung mit der Stimmtonkonferenz 1939 in London stattfand. Hier wurde erstmals diskutiert und dann auch beschlossen, dass der Kammerton international auf eine Tonhöhe festgelegt werden soll. Bereits lange vor dieser Konferenz schlug Giuseppe Verdi 432 Hertz vor. Dem stimmten zahlreiche berühmte Sänger zu. Später setzte sich selbst Nikolaus Harnoncourt als weithin bekannter Pionier für die sogenannte Historische Aufführungspraxis für 430 Hertz als den besseren Kammerton ein. Durchgesetzt hat sich meiner Ansicht nach aber der Zeitgeist, und der war 1939 vom Anfang des Zweiten Weltkrieges geprägt. Wenn Sie jetzt noch wissen, dass Militärkapellen deutlich höher, nämlich auf 466 Hertz stimmen, um sicher zu gehen, dass das mit der Anspannung auch klappt, dann können Sie nachvollziehen, dass die Wahl auf einen deutlich höheren als vorgeschlagenen Kammerton eine Referenz ans Militär war. Da sich die Stimmtonkonferenz aufgrund eigener Regeln wegen des Zweiten Weltkrieges auflöste, zweifelten Musiker diese ihrer Meinung nach Willkürentscheidung in den 50er Jahren an. Bemerkenswert ist, dass sich vor allem immer wieder Sänger für einen tieferen Kammerton wie z.B. 430 oder 432 Hertz einsetzen.

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Kirchenmusik mit eigenen Hochschulen und eigenem Kirchenton

Die Kirchen des 21. Jahrhunderts würden 415 Hertz als Kammerton wählen

415 Hertz? Ist das nicht ein bisschen tief? Tatsächlich laufen seit einiger Zeit zuerst in der Evangelischen und nun auch in der Katholischen Kirche Bestrebungen, die Kirchenlieder aufgrund der Überalterung der Gemeinden tiefer zu setzen. Das führt natürlich zu einem großen Aufschrei, da man nun häufig mit ziemlich vielen Vorzeichen konfrontiert wird! Der richtige Weg wäre, den Kammerton, den es schon früher in der Ausgabe als Kirchenton gab, auf die Tonhöhe zu setzen, die in Deutschland zu der Zeit weitgehend aktuell war, als Johann Sebastian Bach und andere einen Großteil der Kirchenlieder komponierten. Damals lag der Kammerton in Deutschland nämlich bei 415 Hertz.

Wenn Sie nun fragen, warum die Kirchen das nicht einfach so handhaben, dann gibt es folgende Antworten:

  • Der Kirchenton war früher deutlich höher. Davon zeugen historische Orgeln mit ganz enormen Tonhöhen. Das heißt aber auch, dass Orgelbauer traditionell bis heute gerne höher stimmen – und zwar ohne Rücksprache mit der jeweiligen Kirche als Auftraggeber!
  • Orgeln kann man angeblich nicht tiefer stimmen.

Andreas Schmidt spielt Bach Concerto a-moll BWV 593 auf der Historischen Compenius-Rühle-Orgel in Erfurt. Die Orgel ist auf Chorton (Kirchenton) mitteltönig gestimmt.

Die letzte Aussage kann man im Internet auch auf das Klavier bezogen lesen, nämlich dass man für Konzerte Flügel nicht umstimmen kann und daher mehrere Instrumente zur Auswahl vorhalten müsste. Die Behauptung lässt sich leicht als ein nur allzu simples Marketing entlarven. Denn das ist so nicht zutreffend. Richtig ist, dass die meisten Stimmer mit dem Anpassen der Tonhöhe im Idealfall am Tag des Konzerts überfordert sind. Das Höherstimmen ist prinzipiell eine Stimmtechnik, die in der Industrie bei jedem Klavier einmalig und somit als ein Sonderfall vorkommt, wenn nämlich die Saiten nach dem Aufziehen des erste Mal von Null auf 100 Prozent Spannung hochgezogen werden müssen. In der Klavierindustrie beherrscht man folglich die Stimmtechnik, wie man ein Klavier in möglichst kurzer Zeit höher stimmt. Das Tieferstimmen ist die gleiche Technik, nur eben in der umgekehrten Richtung. Dank meiner 10-jährigen Trainingszeit in einem Klavierlager unter quasi industriellen Bedingungen sowie aufgrund meiner Affinität zum Einsatz zeitgemäßer Technik konnte ich diese besondere Stimmtechnik nicht nur lernen und täglich an mehreren Instrumenten trainieren, sondern sie als Teil meiner damals neu entwickelten Hybrid-Stimmtechnik primaTEK© verfeinern und biete heute als eine Rarität im Klavierservice die Vor- und Endstimmung in einem Termin zu Festpreisen an.

Zugegeben, bei den Orgeln handelt es sich nicht um Saiteninstrumente. Die Tonhöhe ist hier an die Länge der Pfeifen gebunden. Und man kann im Internet lesen, dass die Konzeption von alten Orgeln in der Regel nicht einfach den Austausch hin zu längeren Pfeifen erlauben würde. Das könnte man so hinnehmen, wenn man nicht wüsste, dass heute Opernhäuser restauriert werden, indem man Stützbalken herausnimmt und mit einem länger haltenden Stützmaterial ersetzt. Hier sind also Technologien möglich, die in einem anderen Bereich unmöglich erscheinen. Die Frage drängt sich förmlich auf, ob die Branche der Kirchenorgelbauer auf der Höhe der Zeit ist, oder wie so manch andere Branche auch die Entwicklung entweder verweigert oder schlicht verschlafen hat? Im Bereich der Heimorgeln, die sich mittlerweile zu Spielanlagen für zu Hause gemausert haben, erhalten Sie heute mehrere Manuale und Sie haben die Wahl zwischen verschiedenen Pedalwerken. Der beeindruckende Spieltisch wird ergänzt von zwei Touchscreens links und rechts der Anlage, über die Sie Orgeln aus der ganzen Musikgeschichte in gesampelter Form auswählen und ohne die früher zwangsläufig notwendigen langen Reisen von Ort zu Ort spielen können. In diesem Sektor scheint man die Aufgaben im Interesse des sich dahinter eröffnenden lukrativen Geschäftsfeldes erfolgreich bearbeitet zu haben! Die Erledigung ihrer Hausaufgaben könnte für die Kirchenorgelbauer ein willkommenes Geschäftsmodell sein, das im Wesentlichen abgesehen von den beschriebenen technologischen Hindernissen durch die Tatsache erschwert wird, dass den Kirchen zunehmend das Geld ausgeht und eine wesentliche Grundlage zur Mangelware wird, nämlich die aussterbenden Organisten. Was rät uns das Handbuch fürs Marketing von Luxusgütern in einem solchen Fall? Man muss sich noch mehrwertiger präsentieren und für problematische Entwicklungen Lösungen wie z.B. eine in diesem Fall zeitgemäße Selbstspieleinrichtung integrieren! Fakt ist, dass der Trend aus den genannten Gründen eher zu schlichten, also kostengünstigen, digitalen Lösungen geht, wobei diese Instrumente einen flexibel wählbaren Kammerton mittlerweile ab Werk an Bord hätten, das Problem mit dem um einen halben Ton tieferen Kammerton also leicht lösbar wäre.

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Kammerton passend zum Temperament eines Volkes. Ist so etwas real?

Welche Tonhöhen wählten früher unsere Nachbarn als Kammerton?

Die Lebenszeit von Johann Sebastian Bach bis 1750 liefert ein wunderbares Beispiel für die Besonderheiten im Umgang mit dem Kammerton, also dem Grundton der gesungenen und gespielten Musik. Denn während in Deutschland 415 Hertz üblich waren, stimmten die Franzosen noch einen halben Ton tiefer auf 392 Hertz, wohingegen die Italiener bei 446 Hertz musizierten. Was war die Ursache für diese gravierenden regionalen Unterschiede in der Tonhöhe? Es könnte sein, dass sich das Temperament des Volkes in der Tonhöhe ausgedrückt hat. Vor unserem inneren Auge tauchen Bilder auf von den quirligen Italienern, sowie von den entspannten Franzosen auf – und wir Deutschen fühlen uns im Durchschnitt vermutlich vom Temperament her in der Mitte angesiedelt. Das wäre vorstell- und nachvollziehbar. Das heißt, die Wahl des musikalischen Grundtons hätte einen natürlichen Bezug, und das wäre nicht nur in Ordnung, sondern besser als eine willkürlich gewählte Tonhöhe, die sich auch noch am Militär als den Treibern weltweiten Unglücks orientiert.

Hören und sehen Sie Gabriela Galván an der zu Lebzeiten des Komponisten neuen Barock-Traversflöte und Isidoro Roitman an der Theorbe, eine Renaissance-Laute. Sie spielen Rondeau-Le plaintif, Gigue-L'Italienne von Jacques-Martin Hotteterre (1673 - 1763), einem französischen Komponisten und Flötisten. Sie spielen auf 392 Hertz, dem Französischen Kammerton.

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Bewirkt die höhere Stimmung einen brillanteren Klang?

Warum stimmen Orchester höher als 440 Hertz?

In der jüngeren Geschichte des Kammertons, also innerhalb der vergangenen 100 Jahre, war Herbert von Karajan als Leiter der Berliner Philharmoniker dafür verantwortlich, dass man zuerst in Berlin, dann in Wien und inzwischen die meisten Orchester höher als 440 Hertz stimmen. Dass Karajan eine derartige Vorbildwirkung hatte, ist kaum anzunehmen. Aber wie ist dieses scheinbare Bedürfnis nach einer höheren Stimmung unter klassischen Musikern dann zu verstehen? Tatsächlich ist bei den Musikern der Zeitgemäßen Musik der umgekehrte Trend zu einem deutlich tieferen Kammerton festzustellen. Achtung! Verwechseln Sie nicht die sprachlich sehr ähnlich gewählte Zeitgemäße Musik mit der Zeitgenössischen Musik. Letztere gehört zur Neuen Musik. Beiden ist gemeinsam, dass sie von Zeitgenossen komponiert und gespielt werden. Doch der deutliche Unterschied liegt darin, dass die Zeitgenössische oder Neue Musik so gut wie keine Verkaufszahlen von Aufnahmen oder größere Besucherzahlen von Events zu verzeichnen hat. Die Zeitgemäße Musik hingegen hören wir auf Millionen von Aufnahmen, treffen uns mit Hunderttausenden von Fans auf den Festivals und in der Regel war die Zeitgemäße Musik die Musik unserer Wahl in der Jugend, während der emotional entscheidenden Phase der Pubertät. Kehren wir von diesem kurzen Ausflug zur Neuen Musik zurück zu dem Thema, was der Grund für die höhere Orchesterstimmung sein könnte. Erlauben Sie die kritische Frage: Was läuft da in der Klassik schief und warum kann ich das als eine Schieflage bezeichnen?

Diesen genau genommen seltsamen Trend zum höheren Kammerton kann man auch bei unseren Orgelbauern feststellen. Kommt man als Klavierstimmer in Kirchen, um dort z.B. ein Cembalo passend zur Orgel zu stimmen, dann erfährt man völlig überraschend, dass viele Kirchenorgeln auf 445 Hertz gestimmt sind. Dieses Attentat auf die Singbarkeit der Kirchenlieder findet offensichtlich ohne Rücksprache mit den jeweiligen Auftraggebern statt, denn die wissen davon in der Regel nichts. Wenn man nun auch noch erfährt, dass manchen Orgeln heute immer noch auf die Mitteltönige Stimmung gestimmt werden, die zur Zeit Johann Sebastian Bachs üblich war, dann ist das erstaunlich. Denn Bach war mit dieser Stimmung extrem unzufrieden. Sie schränkte ihn in seiner Kreativität ganz erheblich ein. Das führte dazu, dass Bach nach einer Stimmung suchte, in der man wenigsten alle Intervalle verwenden und in allen Tonarten spielen konnte. Diese Stimmung wurde glücklicherweise zu Bachs Zeit von Andreas Werckmeister gefunden. Es handelte sich um die sogenannten Wohltemperierten Stimmungen, von denen es nicht nur eine, sondern eine Vielzahl von Varianten gab. Derart erstaunt begibt man sich also in der Geschichte der Musik auf die Suche nach Antworten.

Die Antwort findet sich bei Wikipedia in dem Artikel zum Chorton, den man auch Orgelton nennt. Dieser war früher einen Halbton bzw. einen Ganzton höher als die aktuelle Tonhöhe von 440 Hertz. Das wären 466 bzw. 492 Hertz! Warum aber wurden damals zuerst die Orgeln so hoch gestimmt?

In dem Artikel bei Wikipedia heißt es, dass man für die großen Räume der Kirchen einen durchdringenderen Ton als für einen Salon, einen Konzertsaal oder die Wohnung benötigte. Daher wählte man den deutlich höheren Kammerton in der Annahme, dass die damit verbundene stärkere Brillanz (1) eine ausreichend durchdringende Wirkung (2) erzeugt. Wir haben es gleich mit mehreren Vermutungen zu tun.

Diesen Gedanken griff ein paar Jahrhunderte später Karajan wieder auf. Im Unterschied zur früheren Zeit blieb er mit 5 Hertz Erhöhung vergleichsweise noch relativ im Rahmen. Trotzdem plädieren Geigenbauer für einen tieferen Kammerton, da der dünne Steg der Geigen dem hohen Druck nicht gewachsen ist. So weiß ich von Orchestermusikern, dass sie in den Übungspausen ihre Streichinstrumente entspannen. Doch mir sind auch Orchester bekannt, die das schlicht ignorieren oder noch gar nichts davon gehört haben.

Addiert man Karajans zusätzliche 5 Hertz zu den 10 Hertz, die die Stimmtonkonferenz 1939 über dem bereits eingebürgerten Kammerton von 430 Hertz wählte, dann ist man bei einem Tonhöhenunterschied von 15 Hertz, immerhin circa ein Viertelton höher. Das ist hinsichtlich der behaupteten Brillanz im Vergleich zu einem Halb- oder gar Ganzton früherer Zeiten immer noch wenig und somit liegt der Verdacht nah, dass die Brillanz des Klangs im Zusammenhang mit der Wahl eines höheren Kammertons nur ein Scheinargument war. Wesentlich deutlicher als die Brillanz zu hören, ist die mit dem höheren Kammerton verbundene Anspannung.

Der unter Karajan eingeführte noch höhere Kammerton wurde innerhalb der Berliner Philharmoniker intensiv diskutiert. Davon berichtet Werner Thärichen, der von 1948 bis 1984 unter Karajan Erster Solopauker war. Später wurde Thärichen Musikprofessor und er schrieb Bücher. Eines heißt Immer wieder Babylon oder Musik als Sprache der Seele, ISBN 3362006140. (Falls unter dem Link kein Ergebnis angezeigt wird, geben Sie als Suche einfach mal die ISBN-Nummer inklusive ISBN ein.) In diesem Buch gibt es das Kapitel Der Kammerton. Hier berichtet Thärichen von diesen fachlichen Diskussionen der Berufsmusiker. Interessant ist, dass die Musiker selbst zu der Auffassung kamen, dass 430 bzw. 432 Hertz besser als die aktuellen Tonhöhen von 440 bzw. 445 Hertz seien. Als wesentliches Kriterium, das gegen einen ständig steigenden Kammerton spricht, führten Sie die menschliche Stimme an. Zwar könne man Instrumente für einen höheren Kammerton bauen. Doch die menschliche Stimme ist limitiert. Berücksichtigt man diese Grenzen, so kann der Sänger entspannter singen und hat insgesamt mehr Freude an seinem Tun.

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Musik als effektiver Teil der Medizin der Zukunft

Woran werden wir uns in Zukunft beim Kammerton orientieren?

Wir leben in einer Zeit der Transformation. Alles ist in Veränderung. Davon berichten selbst die Klavierlehrer, wenn ihre Schüler keine Lust mehr auf technisch anspruchsvolle Werke haben. Die Veränderung zeigt sich unter anderem am Erfolg eines Ludovico Einaudi, einem der Hauptvertreter der Neoklassik, oder wie immer man die zur Entspannung animierende Variante nennen will. Einaudi spielt auf allen Bühnen dieses Landes und er kann komplett ausgebuchte Konzerttourneen vorweisen. Seine Spielweise wird gerne aufgegriffen, denn man kommt so relativ einfach zu den Grundlagen der Improvisation, nämlich dem Spielen von sogenannten Loops (Schleifen), die von ihm in leichter Variation praktiziert werden.

Neben Einaudi spielen immer mehr Klavierspieler Filmmusik, also Musik, die zum Träumen, ja zum Fantasieren einlädt. Das ist das musikalische Gegenstück zu einer Welt, in der Hektik, Stress und ein immer schnelleres Lebenstempo normal geworden ist. Die Folgen der gesellschaftlichen Entwicklung sind dramatisch, vor allem was unsere Gesundheit sowohl des gesellschaftlichen Zusammenlebens, als auch ihrer Individuen angeht. Daher wird der Musikunterricht in naher Zukunft nicht mehr Teil der Antwort auf die Frage sein, mit wie viel Disziplin ich üben muss, um die nächst höhere Stufe im Schwierigkeitsgrad klassischer Werke spielen zu können. Die Motivation, die nächste Stufe in der Rangliste der klassischen Meisterwerke zu erreichen, um mich darüber von anderen differenzieren zu können, wird schon durch das Ansteigen des technischen Schwierigkeitsgrades entkräftet. Denn wie wir heute wissen, stellt die Klavierindustrie einem sehr hohen Prozentsatz der Klavierspieler keine zu deren Händen passende Klaviaturen zur Verfügung (Stichwort Individualisierung der Produkte ), was dazu führt, dass bei ansteigenden Anforderungen an die Spieltechnik die Wahrscheinlichkeit von Überlastungen sowie das Risiko von Verletzungen steigt. Aufgrund der so auftretenden Häufungen von Problemen vor allem der Klavier Studierenden ist übrigens an der Musikhochschule Hannover durch Christoph Wagner die Sparte der Musikermedizin überhaupt erst richtig entstanden. Schon damals praktizierte man nicht den einzig richtigen Weg, nämlich Ursachen zu bekämpfen, indem man darüber informiert und auf Veränderung drängt, sondern man hat fleißig die Symptome diagnostiziert und sich auf die Behandlung beschränkt. Folglich konnte die Klavierindustrie weitere 50 Jahre trotz Mitwissern ausschließlich Pianos mit einer Tastenbreite bevorzugt für männliche Pianisten mit großen Händen produzieren und verkaufen.

Aus gutem Grund dreht sich das Unterrichtsmodell für das Klavierspiel in Zukunft um Sie, um den Menschen, und damit verbunden um die Frage, wie es Ihnen bei dem geht, was und wie Sie es spielen. Anstelle der Außenorientierung über die Identifizierung mit einer Position auf der Rangliste der von mir gespielten Werke wird die Innensicht der Musik treten. Es geht um die Wirkung von Musik sowie um die Musik als Feld zur Entwicklung von kreativen Potenzialen. Spätestens in dem Zusammenhang wird offensichtlich, dass die Musik auch in Bezug auf unsere Befindlichkeit, unsere Lebensfreude, ja Lebenslust, und als deren Grundlage für unsere Gesundheit wesentliche Beiträge leisten kann. Das ist eines der großen Themen der Musik, nämlich ein aktiver Teil der Medizin der Zukunft zu werden, die darauf beruht, dass wir in Eigenverantwortung Krankheiten vorbeugen, gegen die unsere Medizin aufgrund der immer schneller steigenden Zahlen an Erkrankungen längst machtlos geworden zu sein scheint. Auf diesem Weg spielt natürlich der tiefere Kammerton eine wesentliche Rolle, da Entspannung der einzige Ausweg aus dem Hamsterrad und der damit verbundenen immer höheren Anspannung ist. Diesem ersten Schritt werden weitere Schritte folgen, um das ganze Potenzial der Musik zu unseren Gunsten ausschöpfen zu können. Das lässt darauf schließen, dass im Vergleich zur aktuellen Praxis des Musizierens heute schon die Veränderungen absehbar sind. Konkret befinden wir uns in der Phase der Entwicklung, die Musik als eine dem Menschen dienende Kulturform neu zu finden, und in der Folge entsprechend individualisiert zu kultivieren und das heißt, das Musizieren neu zu positionieren. Die Innenorientierung wird dabei gegenüber der bisherigen Außenorientierung, die zu massivem Missbrauch der Musik geführt hat, die Richtung vorgeben.

Missbrauch hat meiner Meinung nach insofern stattgefunden, als fürs Klavierspiel mehr Wettbewerbe als für andere Instrumente eingeführt wurden. Ja, wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Leistung ist der Maßstab, dem alles unterworfen wird. Das Muster passierte zuerst und beispielhaft im Sport, der ursprünglich eine ausgleichende Funktion zu der in der Neuzeit verstärkt sitzenden Tätigkeit einnahm. Daraus wurde der Hochleistungssport. Der Hochleistungssport selbst wurde missbraucht - na, dreimal dürfen Sie raten wozu? Ja, natürlich als Transportmittel für unerwünschte Werbung sowie als menschliches Testfeld für das in Zukunft legale Doping. Konkret geht es um den Markt des Anti-Aging sowie um Neuro-Enhancement (Verbesserung kognitiver Leistungsmerkmale bei gesunden Menschen).

In das Klavierspiel hat man einzig aus dem Grund, um Nachwuchs für die Konzertbühnen zu gewinnen, und somit den Status der teuren Flügel im Idealfall noch zu steigern, den Musikwettbewerb eingeführt. Man generiert auf diesem Weg ein Vielfaches an Hoffnungsträgern. Den Talenten vermitteln im Wesentlichen ihre Klavierlehrer in der Funktion als Multiplikatoren, dass man einen hochwertigen Flügel benötigt, um die Chance auf den ersehnten Ersten Platz zu bekommen. Das Verkaufspotenzial für eindeutig überteuerte und vor allem für die Wohnungen viel zu großen und daher viel zu lauten Instrumente erhöht sich schlagartig. Aber was für den Menschen auf diesem Weg zählt ist, dass man den Leistungssport quasi über die Hintertür in die Musik integriert hat. Fakt ist, dass am Ende des Weges die meisten Musiker von ihrer Profession nicht leben können. Und selbst die Musiker, die den Sprung nach oben geschafft haben, kann man leicht mit dem Ankauf ihrer Musikrechte ködern. Die Folge ist, dass sich Musik heute regelrecht prostituiert, um bei Google über Youtube erfolgreich zum Transporteur von unerwünschter Werbung zu werden. Der Anteil der Musiker an dieser Art von Geschäft ist verglichen mit der katastrophalen Wirkung für das Image des einstigen Kulturguts Musik extrem klein.

Das sind alles Formen von Missbrauch von Musik als einem prinzipiell großartigen Feld, in dem für den Menschen sehr viel Positives auf interessanten Weg geschehen kann - wenn man das Feld entsprechend öffnet und bearbeitet. Darin bestehen meiner Ansicht nach die Pflichtaufgaben für die Musikpädagogik, nämlich die Musik als Kreativitätswerkzeug für die Entfaltung von möglichen Begabungen des einzelnen Menschen zu gestalten, sowie die eigenbestimmte Musiktherapie auf das vorbeugende Vorher zu erweitern. Oder um es im historischen Bezug zu unserem Thema des Kammertons zu formulieren: Musik gehört nicht nur in die Kammer der Fürsten, Opernhäuser, Kulturtempel und Festivals. Musik ist ein geniales Feld, das vielfältig einen unbezahlbaren Nutzen für uns Menschen bringt, wenn man dem einzelnen Menschen den erfolgreichen Zugang zum zeitgemäßen und freien Musizieren ermöglicht. Indem man den analogen Spielraum hin zum digitalen Möglichkeitsraum inklusive des längst selbst von analogen Akustikfans ersehnten Sounddesigns erweitert und den Menschen hilft, auf ihrem Weg zu neuen Erfahrungen Hindernisse zu überwinden, leistet man einen wesentlichen Beitrag zur Gestaltungskompetenz zukünftiger Erlebensräume. Geht nicht, gibt's nicht. Das zeigen zum einen die aktuellen Entwicklungen rund um das Hybrid-Piano sowie all die genialen Erfindungen vor allem von Tasteninstrumenten der vergangenen Jahrhunderte. Der zu unseren Zielen passende Kammerton wird Teil des ganzheitlichen Werkzeugkastens zur Entwicklung unserer Gestaltungsfähigkeit.

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