Pianomotions

Gefühle brauchen Spielraum

Einleitung

In meinem Blog Lebensweltgestalter habe ich Ihnen Herrn Albert Schmitt vorgestellt. Er ist Leiter der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen sowie Co-Autor des Buches Hochleistung braucht Dissonanz. In diesem Buch geht es darum, wie musikalische Hochleistung möglich wird. In seiner Analyse zum Wettbewerb zwischen Asien und Europa stellt er fest, dass uns die Asiaten möglicherweise aufgrund ihres grundsätzlich anderen Körpergefühls sowie ihren sicherlich ambitionierten Übungen technisch überholt haben. Gleichzeitig weist er darauf hin, dass die emotionale Ausdruckswelt der klassischen Kompositionen aus unserer Kultur für Asiaten nicht so selbstverständlich zu erfassen ist. Albert Schmitt appelliert daher an uns gerichtet, dass wir das Abenteuer Emotion wagen sollten, um unser ureigenstes Potenzial voll entwickeln zu können. Diese Aufforderung war für meinen Blog PianoVision eine Art Leitlinie. Bei dem hier vorliegenden Thema Pianomotions gehe ich auf ein genau genommen gravierendes Defizit des Pianos ein. Damit das akustische Klavier zu einem vollwertigen Gefühls-Ausdrucks-Werkzeug wird, müsste es den feinen Unterschied leisten, den Albert Schmitt auf Seite 193 des oben angeführten Buchs Hochleistung braucht Dissonanz als Nahtstelle des Gegensatzpaares bestehend aus Perfektion und Abenteuer wie folgt beschreibt:

Was macht eigentlich den Unterschied zwischen einem spannungslosen Mittelweg und der goldenen Mitte? Ein wesentlicher Teil der Antwort liegt aus meiner Sicht in der Bereitschaft, für den kleinen Unterschied zu kämpfen. In der Leidenschaft, auch für die kaum wahrnehmbaren Nuancen Risiken einzugehen.

In diesem Sinn erfahren Sie zuerst, was Musik für uns leistet bzw. leisten könnte. Daran anschließend erläutere ich, dass es Musikinstrumente gibt, die zu dem kleinen aber feinen Unterschied der Fein(ab)stimmung während des Musizierens imstande sind. Darauf folgt der Hinweis, dass es ebenso großartige Instrumente gibt, die die so genannte Intonation (noch) nicht leisten können. Und nachdem ich dieses Thema angesprochen habe, das man im Sinne von scheinbar nicht änderbar längst akzeptiert hat, breche ich gleich das nächste Tabu, indem ich vorschlage, das bislang angeblich Unmögliche möglich zu machen.

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Was bringt eigentlich Ihnen die Musik?

Was bedeutet uns Musik?

Sprachgefühl
Schlüssel für das Sprechen lernen

Musikalität ist ein Phänomen, dass uns scheinbar in die Wiege gelegt ist. Denn bei unserem Bemühen, als Kleinkinder das Sprechen zu lernen, hilft uns die musikalische Struktur der Sprache:

  • Sprach-Melodie,
  • Sprach-Rhythmus,
  • sprachliche Be-Ton-ung sowie
  • die Dynamik des Gesprochenen.

Auf dieser Basis des musikalischen Verständnisses von Sprache lernen die Kinder Wortschatz und Grammatik ihrer Muttersprache oder sogar mehrerer Sprachen gleichzeitig in höchster Perfektion.

Wie neue Untersuchungen zum Hormonschub bei Sprachentwicklungen zeigen, spielt dabei die Sprach-Melodie eine offensichtlich zentrale Rolle. Denn das weibliche Hormon Östradiol ist bei zweimonatigen Babys der Schlüssel für die Komplexität der für den Spracherwerb essentiellen Melodiemuster, die sich bei dem Baby im Weinen zeigen.

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Pianocoaches zur Begleitung emotional kritischer Phasen

Emotionale Eindrücke über eine musikalisches Tagebuch ausdrücken

Für Jugendliche könnte die Musik eine pädagogisch herausragende Rolle einnehmen. Die Pubertät ist ein Umbruch. In den Heranwachsenden entstehen massiv Gefühle. Dieser Prozess wird jedoch in der Erziehung nicht thematisiert, sondern weitgehend ignoriert und in seinen Nebeneffekten als unvermeidlich toleriert. Dabei könnten die Musiklehrer die Jugendlichen dazu anleiten, über die Musik in dieser intensiven Entwicklung ein musikalisches Tagebuch ihrer Empfindungen anzulegen. Somit bekämen die emotionalen Eindrücke die Gelegenheit zum Ausdruck über die Musik. Wie prägend diese Zeit und damit die Gelegenheit für positive wie negative Entwicklungen ist, kann jeder für sich nachvollziehen, der sich an die Musik in seiner Pubertät erinnert. In der Regel sind uns diese Stücke und die damit verbundenen Emotionen tief ins Gedächtnis eingebrannt. Ein Wunder der Gedächtniskunst? Nein, aber ein Hinweis auf die Rolle der Emotionen im Zusammenhang mit dem Lernen.

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Überleben im 21. Jahrhundert

Pianosphäre
Selbstharmonisierung am Piano als generationsübergreifendes Stress-Abbau-Programm

Für Jugendliche und Erwachsene ist die Musik häufig das Medium zum so genannten Stimmungs-Management. Doch Musik ist mehr, als uns schlicht in gute Stimmung zu bringen. Aus meinen Gesprächen mit den Eltern Klavier spielender Kinder erfahre ich immer wieder, dass die Kids nach der Schule zuerst ans Klavier gehen, und nach einer halben Stunde Klavierspiel ein anderer Mensch zu sein scheinen. Musik ist die Wahl der Menschen, wenn es darum geht, Stress abzubauen. Und da der Stress in unserer Welt immer massiver wird, wird auch die Notwendigkeit zur Selbst-Harmonisierung immer wichtiger. Meiner Ansicht nach haben die Menschen das Musizieren gerade mit der Entstehung der Industriegesellschaft als ein Mittel der Selbsthilfe zur Aktivierung so genannter Selbstheilungskräfte entdeckt. Musiktherapie ist nicht etwa nur eine Behandlungsform von schweren Krankheitsfällen, sondern eine praktische Form der Selbsttherapie im Streben nach Überleben. Die beste Form von Heilung besteht darin, gar nicht erst krank zu werden. Das Klavierspiel in der häuslichen Pianosphäre ermöglicht gegenüber dem Alltags-Stress die erfolgreiche Selbst-Harmonisierung, also der Synchronisierung von asynchronen Prozessen. Verhalten sich Teile des Ganzen zueinander asynchron, so führt das zu einer Störung der internen Kommunikation. Mangelnde Kommunikation ist aber die Ursache dafür, dass aus normalen Zellen Krebszellen werden.

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Musik als Lernmotivation für erwachsene Lerner

Über das Musizieren wieder das Lernen lernen

Viele Erwachsene hätten als Kinder gerne Klavier oder ein anderes Musikinstrument gelernt. Aber in ihrer Kindheit waren die wirtschaftlichen Verhältnisse noch nicht so gut wie heute und daher war das eben damals nicht möglich. Heute glauben die Erwachsenen meist an den längst widerlegten Glaubenssatz, dass das Zeitfenster für derartige Entwicklungen genetisch bereits geschlossen sei. Tatsache ist, dass wir lebenslang imstande sind, Neurone neu zu bilden. Das heißt konkret: Lebenslanges lernen ist für Menschen tatsächlich möglich!

Anmerkung: Es gibt Tierarten, die tatsächlich über stark eingeschränkte Lern-Zeiträume verfügen. Von diesen Tieren hat man den falschen Transfer auf den Menschen vollzogen, den erst die aktuelle Hinrforschung korrigieren konnte. Da die Hirnforschung als wissenschaftliche Disziplin jedoch relativ jung ist, hat sich die Erkenntnis des lebenslangen Lernens noch nicht in der Breite herumsprechen können.

Fortsetzung: Die Probleme mit dem Lernen beziehen sich für Erwachsene zum einen auf die falsche Einstellung, begründet z.B. durch die falschen Glaubenssätze hinsichtlich eines bereits geschlossenen Lern-Zeitfensters, und zum anderen auf die Tatsache, dass wir schlicht aus dem Lernen ausgestiegen sind. Wir müssen in das Lernen erst wieder einsteigen. Und dieser Einstieg ist in jedem Alter schwerer, als wenn man im Lernen geübt ist. Hinzu kommt, dass das Umfeld für Kinder und Jugendliche auf Lernen ausgerichtet ist, während wir Erwachsenen oft nicht wissen, wo wir uns hinwenden könnten, wenn wir etwas lernen wollten. Dabei ist gerade die Musik ein optimales Lernfeld für die erwachsenen Wiedereinsteiger in das Lernen, da die Musik aus sich heraus eine starke Motivation anbietet. Dieses gesellschaftliche Potenzial könnte der Musikunterricht für Erwachsene mit dem folgenden sinnstiftenden Motto ansprechen: Lernen? JA – am besten durch die Musik!

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Leistungsspektrum der Musikinstrumente

Musik-Werkzeuge gestalten

Was leisten Musikinstrumente?

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Definition von Musik

Was leisten die unterschiedlichen Musikinstrumente beim Musizieren? Wenn es stimmt, dass Musik die Sprache der Gefühle ist, dann orientiert sich die Leistung der unterschiedlichen Musikwerkzeuge daran, inwiefern wir damit unsere Gefühle ausdrücken können.

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Woran soll man sich für eine Unterscheidung orientieren?

Sprache und Stimme als Orientierung

Da in unserer Definition von Musik zwischen Musik und Gefühl die Sprache als Vermittler steht, kommt der menschlichen Stimme eine zentrale Rolle zu. In dem Zusammenhang sind die Geigen hervorzuheben, da sie dem Gesang sehr ähnliche Klangmuster erzeugen Die legendären Amatis, Guarneris und Stradivaris haben die Auffälligkeiten just da, wo auch die menschliche Stimme uns am gefälligsten erscheint..

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Woran kann man Musikinstrumente eindeutig unterscheiden?

Der Ton macht die Musik
Die Intonation macht den wesentlichen Unterschied

Der Gesang zeichnet sich ebenso wie Streich-, Blas- aber auch Zupfinstrumente wie die Gitarre dadurch aus, da sie nicht exakt an die Skala einer Tonleiter gebunden sind. Es ist wieder einmal dieser Toleranzbereich innerhalb der Stimmung des Instruments, der für die Musik und ihre Wahrnehmung einen essenziellen Unterschied macht. All diese Instrumente sowie die Stimme sind imstande, die Tonhöhen zu variieren. Damit können sie in Abhängigkeit des jeweiligen musikalischen Kontextes Melodien ausdrucksstärker gestalten sowie den Charakter von Intervallen diesbezüglich anpassen. Diese Fähigkeit, den musikalischen Rahmen aus Tonarten und Tonleitern in seinem emotionalen Potenzial ausschöpfen zu können, scheint eine ganz wesentliche Eigenschaft zu sein, die uns Musik noch intensiver, da mit noch mehr Gefühl aufgeladen empfinden lässt. Auch wenn das bislang bei wissenschaftlichen Untersuchungen zum so genannten Gänsehaut-Effekt beim Hören musikalischer Sequenzen noch nicht untersucht worden ist, könnte es sein, dass gerade entsprechend beeindruckende kompositorische Muster in einer Interpretation auf einem zur Intonation fähigen Instrument bei uns eine Gänsehaut als einen Somatischen Marker auslösen können, an dem man ablesen kann, wie stark uns die Wirkung genau dieser musikalischen Sequenz gerade unter die Haut gegangen ist.

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Tasteninstrumente sind genial! Aber was leisten sie eigentlich konkret?

Sind die akustischen Tasteninstrumente schon perfekt?

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Die Klaviatur als Bedienfeld

So wie der Touch-Screen als Bedienfeld für das Smartphone eine geniale Erfindung von Apple ist, so war die Taste und die Klaviatur als Bedienfeld für unterschiedliche Mechanismen in Musikinstrumenten für die Musik ein kreativer Meilenstein. Denn die Klaviatur ermöglicht uns Menschen den Einsatz eines für uns enorm wichtigen Hilfsmittels zur Gestaltung unserer Umwelt, nämlich der 10 Finger. Damit ist musikalisch ein äußerst komplexes Spiel möglich, das nur noch an der Orgel durch das Pedal übertroffen wird. Dies kann man an Aufzeichnungen des aktuellen Protagonisten des Orgelspiels, dem amerikanischen Organisten und Komponisten Cameron Carpenter, in beeindruckender Weise beobachten:

Wie kann man heute in Europa die Klassik und noch dazu eine Kirchenorgel dem Publikum erfolgreich als einen reizvollen Event vermitteln? Das demonstriert aktuell genau dieser Organist Cameron Carpenter.

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Warum ist die Klaviatur ein Meilenstein für die Entwicklung der Musikinstrumente?

Das 10-Finger-Spiel und die Motorische Intelligenz

Für uns Menschen ist diese Erfindung der Klaviatur zum 10-Finger-Spiel deswegen genial, da wir im Verlauf der Evolution die Fähigkeit entwickelt haben, die 10 Finger voneinander isoliert zu bewegen. Diese Fähigkeit ist im Verlauf unserer Auseinandersetzung mit dem Werkzeuggebrauch entstanden. Der zunehmende Einsatz von Werkzeugen lies unsere Hände immer geschickter werden. Denn umso mehr unsere Vorfahren ihre Hände für immer feinere Tätigkeiten einsetzten, desto differenzierter haben sich die damit verbundenen Fähig- und Fertigkeiten entwickelt. In dem empfehlenswerten Buch Die Hand – Geniestreich der Evolution von Frank R. Wilson (vergriffen, nur noch gebraucht erhältlich) geht der Autor sogar davon aus, dass sich über die Entwicklung der Handfertigkeit zwischen den Menschen zuerst eine Art Zeichensprache entwickelt hat, aus der heraus sich dann die Sprache bilden konnte. Damit wäre aus der Sicht der Evolution die körperliche Intelligenz die Basis für die anschließende Verbesserung der geistigen Intelligenz. In der Wissenschaft bezeichnet man daher diese erste Fähigkeit als die Motorische Intelligenz. Mehr davon lesen Sie in dem gleichnamigen Buch Motorische Intelligenz. Zwischen Musik und Naturwissenschaft des Neurologen Gerhard Neuweiler, das er im Dialog mit dem Komponisten György Ligeti geschrieben hat. Wer an weitergehenden Informationen interessiert ist, und das Buch Empathie und Spiegelneurone. Die biologische Basis des Mitgefühls von Giacomo Rizzolatti und Corrado Sinigaglia liest, wird dort im Rahmen der Bewegungsplanung gute Gründe dafür finden, sich nicht auf die haptisch angenehme und für das Auge ansprechende Tastenoberfläche und somit lediglich auf den in der Regel sichtbaren vorderen Teil der Klaviatur zu beschränken, sondern den Augen des Spielers den Blick bis zur Ton erzeugenden Mechanik wie zum Beispiel beim Transparentpiano zu eröffnen.

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Kennen Sie das Streichklavier?

Klänge anderer Instrumente mit Tasteninstrumenten nachbilden

Tasteninstrumente sind ein Erfolgskonzept. Im Verlauf der Musikgeschichte haben Musikinstrumente mit Klaviaturen schon mehrfach andere Instrumente verdrängt. Das wohl erste und heute immer noch intensiv eingesetzte Tasteninstrument ist die Orgel, die den Klang von Blasinstrumenten über Tasten bedienbar machte. Seitdem sind immer wieder geniale Köpfe damit beschäftigt, Klänge bestimmter Musikinstrumente durch Tasteninstrumente zu realisieren. Nur wenig bekannt dürfte das Streichklavier sein. Hierzu gab es sogar schon Konstruktionen, die trotz Bedienung mittels Klaviatur das Intonieren der gestrichenen Saiten ermöglicht haben:

Relativ offensichtlich ist beim Cembalo, dass es als Zupfinstrument mit Tasten andere Zupfinstrumente wie die Laute verdrängt hat. Das Cembalo wurde wiederum vom Hammerklavier verdrängt, da sich dieses zu einem immer lauteren Instrument entwickelte und sich daher erfolgreich gegen das Orchester durchsetzen konnte. Dieser Verdrängungswettbewerb innerhalb der Kategorie der Tasteninstrumente aufgrund der jeweils zeitgemäßeren Leistungsmerkmale droht aktuell dem Klavier durch das Digitalpiano. Leider übersehen die Klavierhersteller zum einen die Notwendigkeit, vor diesem Hintergrund alle verfügbaren Hebel in Bewegung zu setzen, um das herkömmliche akustische Klavier zu optimieren. Zum anderen nehmen die Pianoproduzenten kaum die Chancen wahr, die sich ihnen in der neuen Kategorie des Hybrid-Pianos eröffnen. Stattdessen beginnt man in deutschen Klavierfabriken Digitalpianos zu bauen, und sich somit in das scheinbar unvermeidbare Schicksal zu fügen, anstatt selbstbewusst und stolz um das Erbe zu kämpfen.

Nachtrag zum Streichklavier (September 2014): Das von Leonardo da Vinci vor rund 525 Jahren gezeichnete Modell der Viola Organista wurde wie oben in dem Video nachvollziehbar von dem Krakauer Pianisten Slawomir Zubrzycki in 5 Jahren gebaut und 2013 der Öffentlichkeit vorgestellt. Im September 2014 fand in Nürnberg die Deutschlandpremiere statt. Das Publikum erlebte ein Instrument, bei dem

  • die Töne mittels mit Pferdehaaren bespannten Rädern und Saiten und somit ähnlich wie bei einem Streichinstrument mit Bogen erzeugt werden.
  • Dabei werden die Saiten durch die Tasten auf die sich drehenden Räder gedrückt.
  • Je nach Tastendruck kann das Instrument sowohl Piano als auch Forte spielen, und
  • die Vialo Organista kann den Tönen sogar ein Vibrato geben! (Quelle: Sonntagsblatt Nr. 36, 7. September 2014, Seite 23)

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Wird der Musikgenuss erst seit MP3 qualitativ schlechter?

Der Qualitätsverlust in der Musik hat eine lange Geschichte

Nicht erst seit der Einführung des Speicherformats MP3 für Audiodateien kann man der Musik einen Verlust an Qualität bescheinigen. Genau genommen ist auch der letzte Schritt in der Geschichte der Stimmungen, also der Fortschritt von den so genannten Wohltemperierten Stimmungen zur heute üblichen Gleichtemperierten Stimmung ein Verlust an musikalischer Qualität. Zum einen besteht der Qualitätsverlust darin, dass die Tonarten ihre Charakteristik verloren haben. Zum anderen besteht der Verlust der musikalischen Performance darin, dass man sich mit der Art der Stimmung dem Handicap konkret jener Instrumente untergeordnet hat, die aufgrund des damaligen Standes der Technik die Tonhöhen während dem Spiel nicht anpassen konnten.

Dieses Manko war den Herstellern von Tasteninstrumenten also schon frühzeitig bewusst. Über die Tasten konnte man nur in Ausnahmefällen die Tonhöhen wie bei anderen Instrumenten anpassen. Diese Ausnahmen beweisen jedoch, dass es zumindest früher noch ehrgeizige Erfinder gab, die den Ist-Stand als Herausforderung zur Veränderung verstanden, und sich daher mit phantasievollen Lösungen darum bemühten, das Ideal der musikalischen Gestaltung technisch zu ermöglichen. Doch aus der Kreativität der Macher entstand die vergleichsweise bescheidene Kreativität des Beschönigens. Denn diesen Prozess des Anhebens beziehungsweise Absenkens der Tonhöhe bezeichnet man eigentlich als Intonation. Damit sich die Unfähigkeit der Tasteninstrumente zur Intonation gar nicht erst in größerem Umfang verbreiten konnte, haben (scheinbar) kluge Köpfe den gleichen Begriff einfach neu besetzt. Die Tasteninstrumentenhersteller nennen schon seit den Orgelbauern die Veränderungen am Klang Intonation. Später haben erst die Cembalo- und dann die Klavierbauer die zweideutige Verwendung des Begriffs Intonation übernommen. Diese Beeinträchtigung des kreativen Freiraums zur musikalischen Gestaltung durch den Musiker ist nahezu allen herkömmlichen Tasteninstrumenten gemeinsam:

  • Der Orgel,
  • dem Cembalo,
  • dem Klavier.

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Betrifft das Manko der fehlenden Fähigkeit zur Intonation tatsächlich alle akustischen Tasteninstrumente?

Keine Regel ohne Ausnahme: Das Clavichord

Die einzige Ausnahme von dieser Regel war das Clavichord. Das Clavichord war auch keine Nachbildung der Klänge anderer Instrumente sondern eine eigenständige Entwicklung. An diesem historischen Tasteninstrument konnte man Tonhöhen anheben sowie dem Ton ein Vibrato geben.

In der Konsequenz an der Kritik gegenüber dem Klavier hat der Pianist Friedrich Gulda Konzerte am Clavichord gegeben, das er über ein Mikrofon verstärkt hat. Denn das Clavichord war für Konzerte und für die immer lauter werdende Zeit einfach zu leise. Dabei es war zur Zeit Johann Sebastian Bachs eine Art Hausklavier, da es im Vergleich zum Cembalo weniger Raum brauchte, sicherlich preisgünstiger sowie leichter zu transportieren war. Es hat sich erstaunlich lange gehalten, nämlich circa bis Mitte 1800. Dann konnte es sich wie schon erwähnt, gegen die immer größer werdenden Umwelt-Lautstärke im Verlauf der Industrialisierung nicht mehr durchsetzen.

Zum Thema

Wodurch hat das Klavier einen wesentlichen Mehrwert erfahren?

Qualitätsgewinn: Vom Hammerklavier zum Pianoforte

Zufällig entwickelte sich gleichzeitig mit der Industrialisierung das Klavier. Aus dem Hammerklavier wurde das Pianoforte als es 1826 dem französischen Klavierbauer Henri Pape gelang, die Holzkerne der Klavierhämmer mit Filzplatten zu überspannen. Nun hatte das Instrument einen zum Cembalo völlig anderen nämlich grundtönigen Klangcharakter, der exakt als Gegenpol zum Lärm in die Zeit passte. Denn über dieses Klangmuster können sich noch heute die Menschen nicht nur in der Kultur des Musizierens üben, sondern dabei gleichzeitig den immer stärker werdenden Stress am Piano abbauen.

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Warum wurde das Klavier immer lauter?

Laut-Stärke als Handicap

Christoph Kammertöns beschreibt in seinem Buch Das Klavier. Instrument und Musik sehr schön, wie die Klavierhersteller die Klavierkonzerte als Verkaufsbühne entdeckten. Die Konzerthalle als Verkaufsraum war somit keine neue Erfindung der Söhne von Henry Steinway, die dieses Konzept Anfang 1900 erneut erfolgreich aufleben ließen. Der Erfolg der Klavierkonzerte motivierte die Klavierhersteller, die Konzerträume zu vergrößern. Um mehr Publikum beschallen zu können, mussten nachfolgend auch die Konzertflügel immer größer und lauter werden. Das ursprünglich zweichörige Hammerklavier bekam ab der Mittellage als Standard eine dritte Saite. Und der Klangkörper der Flügel wurde länger. Die Gussplatten als Spannungsträger der Saitenspannung wurden massiver, die Saiten hielten größere Zugkräfte aus, die Tonhöhe stieg, die Hammerköpfe wurden größer. Damals war Laut tatsächlich eine Stärke, was wir inzwischen aufgrund der Dauerbelastung durch Umweltlärm differenzierter empfinden. Wir haben heute einen Anspruch auf Lärm-SCHUTZ und suchen daher verzweifelt nach dem Pianopedal im Klavier. Die Entdeckung des Moderator-Pedals als Standard vor allem bei neuen Klavieren ist jedoch kein vollwertiger Ersatz für ein qualitativ hochwertiges Leisespiel.

Zum Thema

Wofür ist im Klavier eigentlich das linke Pedal?

Wie aus dem Pianoforte ein Forte wurde

Wegen der hohen Wertigkeit der Lautstärke war es aus der Sicht der Klavierhersteller nicht von Bedeutung, dass die Klaviere die Fähigkeit des Leisespiels schon kurz nach 1900 verloren haben. Das Dynamikspektrum der Spielart von Pianissimo bis Fortissimo schwächelt bei den aufrecht stehenden Pianos in einem sehr hohen Prozentsatz, wenn es darum geht, leise spielen zu wollen. Das linke Pianopedal zeichnet sich traditionell gegenüber dem rechten Tonhaltepedal als ungenutzt aus. Schauen Sie sich einmal bewusst die Pedale eines Klaviers (nicht eines Flügels!) an. Das rechte Tonhaltepedal ist in der Regel wie poliert, während das linke Pedal stumpf ist. Kein Mensch benutzt dieses linke Pedal, von dem niemand mehr weiß, was es eigentlich einmal hätte tun sollen. Dass die Klaviere bis circa 1900 wie im Flügel auch eine Verschiebemechanik hatten, die die technische Lösung beim Treten des linken Pedals aufgrund der Spielanweisung Una Corda darstellt, die wie im Flügel noch heute das bessere Leisespiel ermöglicht, ist eine interessante Feststellung. Dass die Klavierhersteller unter Ignoranz eines wesentlichen Aspekts des Dynamikspektrums die qualitativ hochwertigere Piano-Spiel-Technik geopfert haben, ist ein weiterer Hinweis darauf, dass im Klavierbau wesentliche Veränderungen längst überfällig sind.

Zum Thema

Wie entstand das Kleinklavier und warum klingen neue Klaviere nicht mehr so schön?

Neuro-Marketing
Gewinnoptimierung als Sterbebett für das Klavier

Selbstverständlich macht man sich im Klavierbau keine Gedanken um die Intonation im eigentlichen Sinn, nämlich um die Gestaltung der Intervalle im Zusammenhang mit dem musikalischen Kontext. Dieses Thema hat aktuell keinerlei Raum. Denn die Klavierindustrie verfolgt ja das Klangkonzept des so genannten Brillanten Klangs. Wenn man dieses Konzept so konsequent wie Steinway verfolgt, kann man damit ziemlich viel Geld verdienen. Dummerweise aber nicht genug, um in die Zukunft der eigenen Firma investieren zu können, denn gleichzeitig kaufen möglicherweise als eine Folge genau dieser falschen Klangidee immer weniger Menschen und Institute Flügel mit diesem Klangmuster. Um aber dem Brillanten Klang eine Rechtfertigung zu geben, werden Pianisten und Werke bevorzugt, die durch ein schnelles und somit technisches Spiel bestechen. Im Zusammenhang mit atemberaubend schnellen Läufen bleibt eben kein Raum für Intonation und emotionale Tiefe der Musik. Dabei würde dieser Aspekt des Musizierens exakt zu der in der Einleitung an uns Europäer gerichteten Aufgabe passen, über die Intonation unsere ureigenste Stärke des emotionalen Ausdrucks zu forcieren.

Der Zeitgeist lässt uns häufig etwas glauben, was im Interesse einer bestimmten Gruppe ist. Dabei ist es sehr aufschlussreich, wenn man einmal die Wirkung von Musik auf uns als Zuhörer und/oder Musiker untersucht. So kann man sehr schnell einen in der Tonhöhe ständig weiter steigenden Kammerton als kontraproduktiv entlarven, wenn es darum geht, dass uns Musik harmonisieren und synchronisieren soll. Im gleichen Sinn ist die Schnelligkeit in der Musik lediglich EINE Komponente der SpielTECHNIK, die eher der Selbstdarstellung als der erwünschten WIRKUNG von Musik dient.

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Unter welchen Bedingungen würden Sie ein Klavier kaufen?

Unser Wunschkonzert!

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Aufgabe der Wirtschaft

Aus der Sicht der Endverbraucher besteht eine wesentliche Leistung der Wirtschaft darin, Mehrwert zu generieren. Auf Musikinstrumente im Sinne von Werkzeugen zum Musizieren bezogen liegt deren Mehrwert auf der Hand:

Umso mehr Möglichkeiten uns die Musikinstrumente zur Verfügung stellen, desto höher steigt ihr Wert.

Zum Thema

Kann man mit einem Klavier mehr als nur die Klang-Farben gestalten?

TransAcoustic - 2 Klangwelten verbinden sich
Gefühle mit Klängen musikalisch gestalten

Emotionen mit Sounds gestalten? Das geht schon. Zum Beispiel mit einem Midi-Masterkeyboard und einer entsprechenden Musiksoftware am PC. Doch am Klavier stehen uns bislang nur die so genannten Klangfarben zur Verfügung. Aber was sollen derartige Überlegungen eigentlich? Für Sounds ist doch in der klassischen Musik kaum die Gelegenheit, oder? Und wer Klavier spielt, der unterwirft sich doch automatisch den Dogmen der ernsten Musik. Oder nicht?

Tatsächlich hat sich der Markt längst verändert. Dass dies einem Großteil der Klavierindustrie egal zu sein scheint, belohnt der Markt damit, dass die Firmen reihenweise in die Insolvenz marschieren. Bei vielen meiner Klavier spielenden Kunden steht das E-Piano, der Synthesizer oder das Keyboard heute aber schon nicht mehr irgendwo im Keller, sondern gleichberechtigt neben dem Klavier im Wohnzimmer. Manchmal trifft man sogar auf einen tatsächlich klassisch orientierten Hobbypianisten, der mehr auf seinem E-Piano als auf dem deneben stehenden Flügel spielt, und sich daher bei einem genauen Vergleich der Spielart konkret über die spürbare Auslösung der Hammermechanik in seinem hochwertigen Piano wundert. Darüber hinaus sind immer weniger Klavierspieler klassisch orientiert. Ebenso steigt die Zahl der Selbstlerner, die sich oftmals einem alternativlosen einseitig klassisch orientierten Klavierunterricht entziehen. Die technischen Möglichkeiten haben sich heute für Selbstlerner wesentlich verbessert. Tatsächlich kann man heute ganz unterschiedliche Zugänge zum Klavierspiel finden, und das heißt, dass unterschiedliche Vorlieben beim Lernen genutzt werden können.

Doch den Klavierklang kann man immer noch nicht vielfältig gestalten. Daher bleibt es dem Klavierspieler vorenthalten, seinen Emotionen mit den heute eigentlich zur Verfügung stehenden Möglichkeiten Ausdruck zu verleihen. Als ich meine Gedanken zu der im Klavierbau genau genommen seit dem Silent Piano gar nicht mehr so neuen Kategorie des so genannten Hybrid-Pianos formulierte, entstand in dem Zusammenhang eine Idee. Der akustische Klang sollte Vorrang behalten, da das Muster des typischen Pianoklangs der Schlüssel für die enorm wichtige Selbstharmonisierung am Piano ist. Darüber hinaus wäre es wünschenswert, wenn der natürliche Klavierklang zusätzlich durch elektronische Sounds sowie mit bestimmen Effekten angereichert werden könnte.

Wie immer wenn es um Lust auf etwas geht, melden sich zuerst die Emotionen zu Wort und diktieren uns förmlich: Ich habe Lust auf... Erst anschließend kommt der Verstand ins Spiel, die sogenannte Ratio, die nun nach Argumenten sucht und diese abwägt. Vielleicht typisch für unseren Kulturraum entstehen zuerst kritische Fragen: Ist dieser Wunsch nach zusätzlichen Möglichkeiten zum Ausdruck von Emotionen in der selbst gespielten Musik schon wieder so eine verrückte Vision? Dem steht der konstruktive Ansatz gegenüber: Oder könnte diese technische Erweiterung der emotionalen Ausdrucksmöglichkeiten exakt das Mittel sein, um uns aus dem irrsinnigen Wettlauf der Spieltechnik auf dem Spielfeld der klassischen Musik zu befreien, der aktuell als eine Form des kulturellen Wettbewerbs zwischen Asien und Europa stattfindet? Dieser Wettbewerb und die damit verbundene Suche nach einer kulturellen Identität war das Thema meines Blogs PianoVision.

Seit Anfang 2014 wurde aus der Idee Realität. Der bestens bekannte Multikonzern Yamaha hatte den Mut und eine kreative Idee, wie man diesen Gedanken auf den Weg bringen kann. Das Ergebnis ist das erste Hybrid-Piano, das den Anspruch erheben kann, dass es ein vollwertiges Hybrid-Piano ist, da es nämlich akustische und digitale Klänge mischen kann. Dafür hat sich Yamaha die neue TransAcoustic-Technologie einfallen lassen. Der Weltmarktführer aus Japan nutzt den bereits vorhandenen Resonanzboden sowie die Saiten des akustischen Anteils des Instruments als Klangverstärker für die digitalen Sounds, was dem elektronisch erzeugten Klang ein natürlicheres Klangspektrum verleiht. Was die TransAcoustic-Technologie zu leisten imstande ist, erfahren Sie auf meiner Homepage über die Entwicklung des Hybrid-Pianos sowie in diesem Video:

Zum Thema

Wie können Kunden die Wirtschaft beeinflussen?

Wir sind der Markt!

Laut Klavierindustrie liegt der Klaviermarkt in Europa darnieder, da er mit 8 Millionen Klavieren einen extrem hohen Sättigungsgrad erreicht zu haben scheint. Als Klavierhersteller könnte man sich daher überlegen, wie man diesen Markt in Bewegung bringt. Wie weckt man die Sehnsucht, den Wunsch, das Bedürfnis nach einem Produkt? Die Antwort scheint nicht schwer: Indem das Produkt etwas kann, was die bereits vorhandenen Produkte noch nicht können, wonach wir uns aber genau genommen alle in höchstem Maße sehnen. Die Existenz dieser Sehnsucht haben wir erfolgreich in der Annahme verdrängt, dass die uns in höchstem Maße emotionalisierende Intonation im Piano schlicht unmöglich wäre. Aber ist es tatsächlich unmöglich, die Tonhöhen im Klavier während des Spielens zu verändern? Nein! Natürlich ist Veränderung der Tonhöhen während des Spielens im Piano möglich! Bedenken Sie nur, in welcher Zeit wir leben. Hätten Sie es vor 10 Jahren für möglich gehalten, dass

Warum soll es also nicht auch möglich sein, dass man die Tonhöhen beim Klavierspiel verändern kann? Das ist doch wie bei all den Erfindungen, die uns aktuell nur noch staunen lassen, lediglich eine Frage des kreativen Geistes und somit der Einstellung, etwas ermöglichen zu wollen. Und es ist eine Frage des Marktes. Wenn also Sie als Käufer den Händlern und Herstellern die eindeutige Botschaft senden, dass Sie erst dann ein Klavier kaufen werden, das genau dieses Leistungsmerkmal ermöglicht, denn wird es nicht lange dauern, bis das Unmögliche selbst in der konservativen Branche der Klavierbauer möglich sein wird. Die deutschen Klavierhersteller müssen sich dann völlig neu positionieren. Denn inzwischen sind sehr ehrgeizige, im Umsatz erfolgreiche und daher selbstbewusste Konkurrenten aus Asien auf dem Markt. Der Wettbewerb ist eröffnet. Das Ziel der Intonation im Piano ist ausdrücklich formuliert. Diese Grenze, das angeblich Unmögliche zu denken und auszusprechen, ist somit bereits überschritten.

1972 verriet der geniale Jazz-Pianist Keith Jarrett in einem Interview: Ich habe das Klavier gehasst! Als Grund nannte er das eingeschränkte klangliche Spektrum sowie die Härte des Klavierklangs. Die Differenz zwischen seiner Audition, also zwischen dem, was er vor seinem inneren Ohr hört, und dem, was das Klavier imstande ist wiederzugeben, überbrückt er im Konzert häufig durch sein Mitsingen. In dieser offenen Kritik gegenüber einem so renommierten Kulturgut wie dem Piano zeigt sich der hohe Anspruch des kreativen Musikers. Dabei ist die Anmerkung wichtig, dass der Jazz-Pianist diesen Anspruch zuerst an sich selbst stellt und auch erfüllt. Keith Jarrett äußert sich weiter, dass er sich inzwischen damit abgefunden habe, ja sich sogar wohl damit fühlt. Das scheint mir eine typische Reaktion darauf zu sein, wenn man etwas nicht entsprechend eines Ideals verändern und beeinflussen kann. Man resigniert und kehrt die Sichtweise als Selbstschutz um. Denn wenn man als Pianist die hier geforderte technische Vielfalt angeboten bekommt, so muss man sich dieser komplexen Herausforderung erst einmal stellen. Das Wohlsein bezieht sich demnach auf die Einsicht, dass man sich unter den aktuellen Bedingungen im Bekannten und Vertrauten bewegt. Dagegen würde aus dem Unwohlsein positiv aufgeladene Neugierde oder besser Interesse werden, wenn es möglich wäre, Träume zu leben. Die Kraftquelle für die erfolgreiche Bewältigung der Herausforderung durch das Neue beinhaltet der Traum. Die Hirnforschung hat es bislang noch nicht entdeckt, dass Träume die Produktion von Oxytocin anregen. Dieses Hormon mit der Qualität eines Neuro-Modulators erhöht die Plastizität unseres Gehirns und befähigt uns somit zur erfolgreichen Integration des Neuen.

Zum Thema

Probleme erkennen, um sie zu lösen.

Nichts ist unmöglich

Wie kann das scheinbar Unmögliche möglich werden?

Vermutlich wird jeder Klavierspieler und erst recht die meisten Klavierbauer bei näherer Überlegung schnell zu dem Schluss kommen, dass diese Idee der Intonation im Klavierspiel nichts weiter als ein verrückter Gedanke ist. Es spricht einfach zu viel dagegen:

  • So sind für eine mechanische Lösung die Zugkräfte viel zu hoch.
  • Der gewölbte Resonanzboden würde bei einer Veränderung der Zug- und somit auch der Druckkräfte zu einer relativ starken Verstimmung in dem Bereich der Intonation (Tonhöhenveränderung) führen.
  • Die Korrektur einer derartigen Verstimmung wäre nicht in kurzer Zeit zu beheben, um mit dem Instrument vernünftig weiter spielen zu können.

Haken wir also den Gedanken als wilde Phantasterei ab? Oder schauen wir uns die Probleme einfach mal genauer an, ob diese tatsächlich wie vermutet unlösbar sind:

  • Bei dem ersten Problem scheint eine Lösungsansatz bereits in der Feststellung enthalten zu sein: Für eine mechanische Lösung sind die Zugkräfte zu hoch. Der Gedanke ist naheliegend, eine andere als eine mechanische Lösung zu suchen. Aber bleiben wir doch erst einmal bei der Absicht, die mechanische Lösung zu favorisieren.
  • Größere Veränderungen der Zugkräfte der Saiten bewirken aufgrund der Resonanzbodenwölbung bei der herkömmlichen Bauweise eine Veränderung der Druckkräfte zwischen Resonanzboden und den Saiten. Daher muss man ja zum Beispiel ein in der Tonhöhe abgesunkenes Klavier zuerst auf die neue Tonhöhe vorstimmen, bevor man die Feinstimmung durchführen kann. Wie würde sich das Kräftespiel gestalten, wenn der Resonanzboden nicht gewölbt sondern flach wäre? Wie würde so ein Klavier klingen? Ist nicht der so genannte Stegdruck als Kriterium für eine noch vorhandene ausreichende Wölbung des Resonanzbodens der Schlüssel für das Klangvolumen des Klaviers?
  • Warum benötigt die Korrektur einer Stimmung beim Klavier so viel Zeit? Weil das Klavier so viele Saiten hat. Warum hat das Klavier eigentlich so viele Saiten? Da die Klaviere immer größere Konzerthallen beschallen mussten und daher die Lautstärke nach wie vor ein wesentliches Verkaufsargument für Konzertveranstalter zu sein scheint. Aber wie halten wir es heute mit der Lautstärke? Haben wir nicht alle schon längst eine starke Sehnsucht nach den leisen Tönen?

Der fachlich orientierte Leser wird die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Anstelle eines Problems haben wir nun gleich ein ganzes Bündel an Problemen. Aber stimmt das wirklich? Sind Sie nicht aufgrund der Überlegungen bereits hellhörig geworden? Ahnen Sie bereits, dass ich nicht ohne Grund derartig kritische Gedanken an dieser Stelle so ausführlich formuliere?

Sie vermuten richtig! Aktuell gibt es im Klavierbau eine bedeutende Neuigkeit aus Deutschland zu verkünden. In Bonn gibt es einen Klavierbauer namens Klavins, der einem Druiden ähnlich ein im positiven Sinn eigen-artiges Klavier konstruiert hat: Das Una-Corda-Piano. Der Prototyp existiert und die erste kleine Serie geht Ende August 2014 in die Produktion. Inwiefern unterscheidet sich dieses Klavier von den uns bislang bekannten Pianos?

Es ist vor allem die Leichtbauweise, die den Unterschied ausmacht. Das Klavier wiegt lediglich 100 Kilogramm. Wie wird diese enorme Gewichtseinsparung von über 50 Prozent erreicht?

Das Klavier hat mit 64 anstelle der üblichen 88 Töne einen geringeren Tonumfang. Darüber hinaus steht durchgängig jedem Ton nur eine Saite zur Verfügung - daher der Name Una-Corda-Piano. Gleichzeitig spart sich Herr Klavins in seiner Funktion als Konstrukteur den Umbau, also das Möbel. Vielleicht fragen Sie sich jetzt, ob ein derart entblößtes Klavier überhaupt gut klingen kann? Bevor Sie sich das Video ansehen und somit ein Klangbeispiel anhören, will ich darauf verweisen, dass das Klavier darüber hinaus einen Resonanzboden ohne Rippen und somit ohne Wölbung hat, der auch noch aus kreuzweise verleimtem Fichtenholz besteht. Damit noch nicht genug der Stilbrüche gegenüber dem Herkömmlichen, denn das Piano ist auch noch ein Geradsaiter, von denen die letzten Modelle Anfang 1900 gebaut worden sind. Das KANN ja gar nicht klingen! werden Sie wahrscheinlich schlussfolgern. Hören Sie selbst:

Wie konnte das passieren? Wie konnte jemdand auf eine solche Fülle von neuen Gedanken kommen? Und welch dreister Teufel hat diesen Menschen geritten, seine Phantasien auch noch zu realisieren? Es war vermutlich wie Anfang 1900, als der Komponist Busoni mit dem Klavierbauer Bösendorfer darüber sprach, dass er in seinen Kompositionen tiefere Töne zu Papier brachte, als die Instrumente des Klavierherstellers spielen konnten. Darauf antwortete Ludwig Bösendorfer, dass er ein solches Piano bauen werde. Das Ergebnis war damals der Jahrhundertflügel Imperial. Und heute? Diesmal trafen sich der deutsche Musiker und Komponist Nils Frahm und der deutsch-lettische Klavierbauer David Klavins. Und immer wenn Musiker und Musikinstrumentenhersteller ins Gespräch kommen, scheint am Ende etwas Neues zu entstehen. Hier finden Sie Informationen zu den Klavierprojekten von David Klavins.

In dem Una-Corda-Piano werden eine ganze Reihe von Eigenschaften realisiert, die bereits Lösungen der oben angesprochenen Probleme darstellen bzw. konstruktive Hinweise auf die Richtung der Lösungsstrategie liefern. Glauben Sie nun immer noch, dass die Intonation im Klavierspiel ein technisch unlösbares Problem darstellt?

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Gibt es für die Intonation vielleicht schon eine Lösung für das akustische Piano?

Fluid Piano: Das Spiel mit Zwischentönen am akustischen Piano (Aktualisierung Juli 2016)

Tatsächlich ist das Unglaubliche bereits realisiert. Dieses Video wurde 2009 von dem englischen Musiker Geoff Smith veröffentlicht. Georg Smith gilt als einer der führenden Hackbrettspieler. Für das Hackbrett entwickelte er die Möglichkeit eines Fluid Tunings, mit dem er die Stimmung diatonisch, chromatisch oder mikrotonal verändern konnte. Dieses Konzept hat er wie in dem Video ersichtlich auf das Piano übertragen:

Wir sehen im Bereich des so genanten Wirbelfelds vorne am Stimmstock eine Art gleitender Brücken mit einem Anfasser, die man für jeden Ton isoliert von Hand verschieben kann. Dadurch verändert man die Tonhöhe vor oder nach dem Anschlagen des Tons. Das entspricht der Funktion eines Pitch-Rades beim Keyboard, mit dem man nachträglich die Tonhöhe verändern kann. Das ist letztendlich für die beim Klavierspiel typische komplexe Spielweise noch nicht wirklich komfortabel und optimal. Die Möglichkeit, den Effekt über ein Pedal zu bedienen, wäre angebracht. Anstelle des Sostenuto-Pedals könnte man mit einem ähnlichen Mechanismus, der nämlich auf die gerade angespielten Töne Zugriff hat, ein Pedal zur Intonation konstruieren. Das würde weitaus mehr Sinn machen, als eben die mit dem Sostenuto-Pedal verbundene Eigenschaft, ausschließlich die Dämpfer der gerade gespielten Töne länger zu halten.

Nebenbei stellen wir in dem Video fest, dass es sich um ein Piano in Flügelform mit der Konstruktion eines Geradsaiters handelt. Der Saitenbezug ist wohl von der Stärke eines historischen Hammerklaviers und somit viel feiner als heute. Das ist nachvollziehbar, denn oben habe ich geschrieben, dass Geoff Smith einer der führenden Hackbrettspieler ist. Das heißt, er hat sich selbstverständlich an den Kräfteverhältnissen sowie den Konstruktionsmerkmalen des Hackbretts orientiert.

Exkurs: Mehr oder weniger zufällig ist damit das gleiche noch einmal jedoch mit einem anderen Ergebnis geschehen, als 1709 Bartolomeo Cristofori von dem Hackbrettspiel Panthaleon Hebenstreits auf dessen Sonderanfertigung dem Pantaleon derart inspiriert worden ist, dass er als Cembalobauer das beidhändige Klöppeln mechanisiert hat. Das Ergebnis war die so genannte Hammer-Mechanik, die er mit dem bekannten Bedienfeld der Klaviatur verbunden hat und somit das Hammer-Klavier erfunden hatte. Die ersten Prototypen des Hammer-Klaviers von Bartolomeo Cristofori hatte wie das Hackbrett die konstruktiv identischen Merkmale des zweichörigen Saitenbezugs sowie kleinere, hölzerne oder belederte Hammerköpfe.

Fortsetzung: Mit dem wesentlich schwächeren Saitenbezug des Fluid Pianos verbunden sind auch (wie soeben schon erwähnt) wesentlich kleinere Klavierhämmer, da diese weniger Saitenmasse in Schwingung bringen müssen. Anstelle von 3 Saiten (beim modernen Piano ab der Mittellage) werden wieder wie soeben beschrieben historisch betrachtet nur 2 Saiten pro Ton angeschlagen. Die somit geringeren Zugkräfte im Instrument lassen die flüssige im Sinne von fließende/stufenlose Feinabstimmung ohne zusätzliches Werkzeug zu. Daher stammen mit Sicherheit die Bezeichnungen Fluid Tuning sowie Fluid Piano. Es lohnt sich festzuhalten, dass der Schlüssel zu dieser Lösung in der Abweichung der Stärke des Saitenbezugs der heute üblichen Pianos liegt. Nebenbei stelle ich fest, dass in dieser Art von Hammerklavier nicht etwa eine der üblichen Hammermechaniken verarbeitet worden ist. Die Saiten werden von einer Art Springer angestoßen, an dessen obersten Ende eine vermutlich filzartige Fläche ist. Die Mechanikteile bezeichnet man im Cembalobau als Springer. Dort werden die Mechanikteile eines Registers in einem so genannten Rechen geführt. Das ist ist bei unserem Fluid Piano auch der Fall. Somit ist die technische Lösung des Anschlagmechanismus genial einfach gelöst.

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